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Studie: Elektromobilität bringt Verlust und Verlagerung von Jobs

Fraunhofer-Institut prognostiziert Wegfall von 75.000 Arbeitsplätzen in der Industrie bis 2030, sollte der Anteil auf 25 Prozent E-Fahrzeuge steigen. IG Metall fordert Gestaltung der Transformation.

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Eine Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) im Auftrag der IG Metall hat den Netto-Verlust von Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie durch einen höheren Anteil an Elektrofahrzeugen prognostiziert. Bis 2030 könnten duch die deutlich geringere Fertigungskomplexität der E-Antriebe 75.000 Jobs wegfallen, sofern der Anteil an Elektroautos auf 25 Prozent steige, so die Schätzung des Instituts. Dabei seien die 25.000 Jobs schon eingerechnet, die in den neuen Bereichen der Elektromobilität und nachgeordneter Dienstleistungen entstünden. Für das unwahrscheinliche Szenario von 80 Prozent Elektrofahrzeugen seien 109.000 Jobs vornehmlich in der Antriebstechnik gefährdet, in der derzeit 210.000 Beschäftigte gezählt werden.

 

Genauer betrachtet, steht im Zentrum der Studie ein Szenarium, in dem bis 2030 ein Viertel der Fahrzeuge rein elektrisch angetrieben wird, 15 Prozent sind Plug-in-Hybride, 60 Prozent haben einen bis dahin effizienteren Otto- oder Dieselmotor. Ein besonderes Gewicht misst das IAO den Plug-in-Hybriden zu. "Weil sie beide Antriebsarten verbinden, haben sie sowohl klima- wie beschäftigungspolitisch positive Folgen. Vorausgesetzt ist in allen Szenarien, dass die Komponenten für Hybrid- und reine Elektrofahrzeuge weitgehend auch in Deutschland hergestellt werden", analysieren die IAO-Forscher. Die Studie beruht auf Daten aus der Fertigung der beteiligten Unternehmen. Der dort analysierte Anteil der Beschäftigung repräsentiert mehr als die Hälfte der Wertschöpfungsketten in der Antriebstechnik in Deutschland. Die Ergebnisse seien damit in hohem Maße valide, versichert das Institut.

 

IG Metall fordert Politik zur Gestaltung des Wandels auf

Von der IG Metall heißt es, man wolle mit der Studie keinen Alarmismus betreiben und Angst schüren, aber Firmen und Politik zu rechtzeitigem Handeln auffordern. "Die Herausforderung ist groß, aber zu bewältigen", beschwichtigte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. "Politik und Unternehmen müssen jetzt Strategien entwickeln, um diese Transformation zu gestalten. Die Politik muss den notwendigen Strukturwandel in der Automobilindustrie durch zielgerichtete Industrie- und Beschäftigungspolitik flankieren, die Unternehmen müssen vor allem mit einer massiven Qualifizierungsoffensive dafür sorgen, dass die Beschäftigten in diesem Wandel nicht unter die Räder kommen", so der Appell des obersten Metall-Gewerkschafters. Gemessen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Deutschland von mehr als 44 Mio. sei der mögliche Arbeitsplatzverlust jedoch gering, relativierte Professor Dr. Oliver Riedel, Institutsdirektor am Fraunhofer IAO. Am härtesten treffen könnte die Disruption in der Industrie aber kleinere und regional ausgerichtete Zulieferbetriebe. Die Forderung der Gewerkschaft betrifft daher vor allem den Bildungssektor. 

 

Batterieentwicklung in Deutschland essentiell

Außerdem dürfte die Entwicklung neuer Technologien, etwa im Batteriebereich, nicht den Anbietern aus Fernost überlassen werden, sondern Entwicklung und Produktion müssten auch in Deutschland beheimatet sein. Man sei führend in der Batterieforschung und müsse aufpassen, dass andere sich das Know-how zu Nutze machten, erklärte stellvertretend Peter Cammerer vom BMW-Betriebsrat laut Spiegel Online. Er erhielt in dieser Forderung Unterstützung von Bosch-Betriebsratschef Hartwig Geisel, der noch "drastischere Zahlen" bei dem Zulieferer befürchtet, als in der Studie kalkuliert. Immerhin hingen dem schwäbischen Stiftungskonzern 30.000 Arbeitsplätze in Deutschland vom Verbrennungsmotor ab. Der Präsident des Verband der Automobilindustrie (VDA), der wie große Autohersteller und Zulieferer ebenfalls an der Studie beteiligt war, Bernhard Mattes versicherte, man werde neue Geschäftsfelder und Angebote entwickeln und die Mitarbeiter weiterqualifizieren". Die Politik müsse den Klimaschutz ebenso im Blick haben wie die Beschäftigungssicherung.

 

Unser Fazit: 

Ein klassischer Fall von Disruption und eine weitere historische Nahtstelle der Industrialisierung: Dass der Umstieg auf Elektromobilität, der noch schleppend, aber zunehmend dynamisch erfolgt, Jobs in den traditionellen Feldern der Antriebstechnik kosten wird, ist keine neuen Erkenntnis. Neu ist, dass die Studie der erfahrenen Fraunhofer-Forscher konkrete und valide Zahlen liefert. Und die sind in Anbetracht von 840.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Automobilindustrie gar nicht mal so verheerend wie befürchtet - und wie auch die IG Metall befindet, zu bewältigen. Zumal andere Studien optimistischer über die neu entstehenden Jobs in den Bereichen mobiler Dienstleistungen, Software oder Elektronik urteilen. Alte Jobs gehen, neue kommen, das hat es schon immer gegeben im Laufe der Entwicklung. Wie meinte VDA-Chef Bernhard Mattes exemplarisch: Den Job eines Mechatronikers habe sich einst auch noch niemand vorstellen können.

 

Jetzt geht es aber darum, den Wandel aktiv zu gestalten und nachdrücklich auch mit Unterstützung der Politik zentrale Know-How-Felder wie die Batterietechnik auch in Deutschland zu beheimaten. Denn das ist vielleicht einer der größten Fehler der letzten Jahre und Jahrzehnte gewesen: Zu lange auf den Verbrennungsmotor zu setzen, am alten, weil ja renditestarken System festzuhalten, wie sich zeigt teils vergeblich in aufwändige Abgasreinigung investiert und den Einstieg in die Schlüsseltechnologie verpasst zu haben. Jetzt ist es spät, aber vielleicht noch nicht zu spät. Nur aufgrund des kurzfristigen Erhalts von Arbeitsplätzen an dem, langfristig betrachtet, "Auslaufmodell Verbrennungsmotor" festzuhalten, wäre der größte Fehler. An Effizienz im Betrieb ist er dem E-Antrieb einfach um ein Vielfaches unterlegen - und das Bessere ist nun mal des Guten Feind. Als Zwischenschritt sollte man die Möglichkeiten des CNG-Antriebs und der Mild-Hybride nicht vergessen: Sie ermöglichen den einstweiligen Erhalt von Arbeitsplätzen bei dennoch hoher Effizienz - und bis der Strommix passt vielleicht sogar besserer Umweltbilanz als die Stromer, deren aktuelle Umweltfreundlichkeit doch noch ziemlich fragwürdig ist. Ansonsten droht, was die Amerikaner mit dem neu geschaffenen Verb "get kodak'ed" umschreiben: Man wird schlicht vom Markt verdrängt. Immer bessere E-Fahrzeuge der europäisisierten chinesischen oder auch der koreanischen Hersteller sind da nur die Vorboten. Die Studie jedenfalls kommt zur rechten Zeit.




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